- Wo Regulierung, Nachweispflichten oder Haftung im Spiel sind, trägt Eigenbau die Verantwortung mit, nicht nur den Code.
- Fremde Daten und Zahlungsvorgänge sind kein Uebungsfeld. Dort sind fertige Lösungen fast immer die richtige Wahl.
- Wenn niemand dauerhaft zuständig sein kann, ist die Entscheidung bereits gefallen.
- Der teuerste Fall ist ein Provisorium im Kernprozess, das nie als solches erkannt wurde.
Die letzten Beiträge in dieser Reihe handelten davon, wie Eigenbau gelingt. Dieser handelt davon, wann man ihn besser sein lässt. Das ist die unbeliebtere Hälfte, und sie fehlt in den meisten Texten zum Thema, weil sie nichts verkauft.
Coding-KI hat die Grenze dessen, was ein Unternehmen in Eigenregie schafft, deutlich verschoben. Was früher ein Entwicklerteam brauchte, entsteht heute in Tagen. Diese Verschiebung ist real, und sie verleitet zu einem Fehlschluss: dass alles, was machbar geworden ist, auch getan werden sollte.
Das unbequeme Nein
Die Fälle, in denen Eigenbau die falsche Wahl ist, haben eine Gemeinsamkeit: Der schwierige Teil liegt nicht im Programmieren. Er liegt in Regeln, Nachweisen, Haftung oder dauerhafter Verantwortung. Genau dort hilft eine Coding-KI am wenigsten, weil sie den Programmierteil beschleunigt und den Rest unberührt lässt.
Praktisch heißt das: Je größer der Anteil an Verantwortung gegenüber dem Anteil an Code, desto schlechter eignet sich ein Vorhaben für den Selbstbau. Die folgenden fünf Situationen sind die häufigsten davon.
Erstens: wo Regeln und Nachweise gelten
Sobald ein Bereich reguliert ist, verschiebt sich die Arbeit vom Bauen zum Belegen. Dokumentationspflichten, Nachweise darüber wer wann was geändert hat, Löschfristen, Prüfbarkeit durch Dritte. Diese Anforderungen sind aufwendig, sie ändern sich, und sie haben mit der eigentlichen Funktion wenig zu tun.
Ein fertiges Produkt bringt diesen Teil mit und der Anbieter steht dafür gerade. Beim Eigenbau übernehmen Sie beides: die Umsetzung und die Verantwortung dafür, dass sie ausreicht. Welche Pflichten hier konkret gelten, ist in DSGVO und KI-Act: Compliance-Roadmap aufgearbeitet.
Zweitens: fremde Daten und Zahlungen
Ein internes Werkzeug, das Ihre eigenen Daten verarbeitet und von wenigen Personen im Haus genutzt wird, ist ein überschaubares Risiko. Sobald Außenstehende sich anmelden, personen- bezogene Daten Dritter verarbeitet werden oder Geld fliesst, ändert sich die Lage grundlegend.
Bei Zahlungen ist die Sache besonders eindeutig: Der Aufwand besteht fast vollständig aus Regeln, die nichts mit Ihrem Geschäft zu tun haben, und ein Fehler kostet unmittelbar Geld. Es gibt etablierte Anbieter, die das seit Jahren lösen und für ihren Teil haften. Das selbst zu bauen ist keine Ersparnis, sondern eine Verlagerung von Risiko auf die eigene Bilanz. Welche Fehlerklassen dabei typisch sind, zeigt Vibe Coding: Sicherheitsrisiken erkennen.
Drittens: wenn niemand dauerhaft zuständig sein kann
Diese Frage entscheidet mehr Fälle als alle anderen zusammen, und sie wird am seltensten gestellt. Eigenbau bindet dauerhaft Kapazität, nicht nur während der Entwicklung. Wenn Sie niemanden benennen können, der in zwei Jahren noch zuständig ist, ist die Entscheidung bereits gefallen.
Die ehrliche Probe: Nennen Sie eine Person, die das System in zwei Jahren betreut, und eine zweite, die im Urlaubsfall einspringt. Wenn Ihnen für eine der beiden Rollen niemand einfällt, kaufen Sie. Diese Frage vor dem Projekt zu beantworten kostet nichts, danach kostet sie ein System.
Viertens und fünftens: Kernprozess und Zeitdruck
Der vierte Fall ist der teuerste, weil er sich schleichend ergibt: ein Provisorium, das in den Kernprozess gewandert ist, ohne dass jemand diesen Übergang bemerkt hat. Software, an der Umsatz hängt, braucht eine andere Grundlage als ein Werkzeug, das eine Auswertung automatisiert. Wenn ein Ausfall Kunden trifft, gehört das Vorhaben nicht in den ersten Selbstbau-Anlauf. Woran Sie diesen Übergang rechtzeitig erkennen, steht in Das erste interne Werkzeug.
Der fünfte Fall ist banal und trotzdem häufig: echter Zeitdruck. Eigenbau ist schnell, wenn alles glatt läuft, und unberechenbar, wenn nicht. Wer eine feste Frist hat, an der etwas hängt, sollte keinen Weg wählen, dessen Dauer er nicht kennt. Ein fertiges Produkt ist unter Zeitdruck fast immer die ruhigere Entscheidung.
Was das für Ihre Entscheidung heißt
Keiner dieser fünf Punkte spricht gegen Eigenbau als solchen. Sie beschreiben die Fälle, in denen der schwierige Teil woanders liegt als dort, wo eine Coding-KI hilft. Für alle anderen Fälle, und das sind viele, bleibt Selbstbau eine gute Entscheidung, die früher nicht offen stand.
Der praktische Rat ist deshalb unspektakulär: Prüfen Sie diese fünf Punkte, bevor Sie anfangen, nicht wenn Sie feststecken. Für den Fall, dass die Rechnung knapp ausfällt, hilft die Drei-Jahres-Rechnung bei der Einordnung.